Brief unseres Erzbischofs an die Seniorinnen und Senioren zu Weihnachten 2024
„Ich verkünde euch eine gute Botschaft“ (Lk. 2,10)
Liebe Seniorinnen und Senioren,
im Evangelium der Heiligen Nacht werden Sie nicht, wie es oben steht, hören „ich verkünde euch eine gute Botschaft“, sondern „ich verkünde euch eine große Freude“. Das Griechische lässt hier mehrere Übersetzungen zu. Doch das Wort, das hier im Urtext verwendet wird, ist uns von seinem Klang her sehr geläufig. Es ist nämlich das Wort, aus dem sich unser Wort „Evangelium“ entwickelt hat. Die Engel haben also ein Evangelium zu verkünden: eine gute Botschaft, eine gute Nachricht. Sie verkünden die Geburt eines Kindes und damit den Beginn einer neuen Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie verkünden den „Retter“, den „Messias“, den „Herrn“. Das sind große Worte, die hier genannt werden. Das hört sich nach jemandem an, der Macht hat.
Wenn wir in die Geschichte der Menschheit schauen: Was waren das für Menschen, die Macht hatten? Es waren Pharaonen, Kaiser und heute so manche Staatslenker. Macht wirkt auf manche Menschen verlockend. Sie möchten auch Macht haben. Macht wird häufig damit verbunden, „den eigenen Willen durchzusetzen“ – „Ich mache etwas, weil ich es kann, weil ich die Macht dazu habe.“ Dies geschieht nicht immer zum Wohl der Menschen, sondern manchmal zum eigenen Machterhalt, der über allem anderen steht.
Gott handelt anders! Er erwählt nicht einen Menschen mit Macht, sondern genau das Gegenteil: ein „macht-loses“ Kind. Die gute Nachricht ist also ein Säugling, der den Schutz seiner Eltern braucht? Gott handelt nicht nach unserer menschlichen Logik. Schauen wir nur in die Evangelien. Wie Jesus handelt, passt so gar nicht zu den Mächtigen heutiger und vergangener Tage. Gott ist anders! Er nutzt seine Macht nicht dazu, andere zu unterdrücken oder immer mächtiger zu werden. Er zeigt uns einen Gegenentwurf zur Herrschaft, wie sie immer wieder von Menschen gelebt wird. Wenn wir in die Schrift schauen, können wir lesen, dass in Gottes Herrschaftsbereich die Kleinen und Hilflosen erwählt werden, wie in der Weihnachtserzählung. Es werden die Armen und die Sünder eingeladen, mit Jesus am Tisch zu sitzen. Menschen erfahren Heilung. Unser Gott ist kein Gott, der sich mit den Mächtigen und Berühmten einer Gesellschaft umgeben muss, damit er noch größer erscheint. Er wendet sich den als klein und gering angesehenen Menschen zu, damit diese Würde und Wertschätzung erhalten. Das ist die gute Botschaft von Weihnachten: Gott will zu uns kommen und an uns handeln. Er sieht uns und unser Leben, das nicht immer so verläuft, wie wir es gerne hätten. Er sieht all das Gelungene in unserem Leben und er sieht auch all unsere Wunden, die der Heilung bedürfen. Das ist Gottes Macht, dass er sich allen Menschen zuwendet und ihnen in Liebe begegnet. Gott wird, wie uns in der Weihnachtserzählung berichtet wird, Mensch!
Von dieser guten Botschaft sollen wir erzählen: Gott erweist seine Macht darin, dass er die vermeintlich Mächtigen nicht braucht. Er braucht uns, um seine Botschaft weiterzugeben, dass er uns nahekommen und uns in unseren Nöten trösten will. Vielleicht können wir es im Kleinen versuchen: Mut zusprechen, Trösten, Dasein für andere, Weitergeben unseres Glaubens.
So wünsche ich Ihnen, dass Sie Gottes Trost, Angenommensein und seine Nähe immer wieder spüren dürfen und das Fest der Geburt unseres Herrn in Freude feiern können!
Ihr
Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising